Gut geschossen, Löwe!

Als ich mich im Juni einige Tage im Bayerischen Wald aufhielt, fiel mir in einem Gasthaus ein Flyer in die Hände. Bayernpark. Den kannte ich bis anhin nicht. Und schon gar nicht wusste ich, dass es dort eine brandneue Achterbahn gibt mit einem LSM-Antrieb. Ein linearer Induktionsmotor, wie er auch bei der wie ich finde genialen Bluefire im Europapark zum Einsatz kommt. Der Motor des Freischützes - so heisst die neue Achterbahn des Bayernparks - soll sogar noch extremer sein. In 2.5 Sekunden auf 80km/h. Und dann Belastungen teils über 4G. Oh yeah! 

Also nichts wie hin. Und testen. Der Bayernpark liegt schliesslich auf halbem Weg zwischen Passau und München. 

Wenn ich schon den Europapark erwähnt habe: Im Grössenvergleich dazu ist der Bayernpark dessen Eingangsbereich. Oder ein thematisches Land im Europapark. Also viel, viel kleiner. Was nicht negativ ist. Es beginnt beim Parkplatz, auf dem es Platz hat. Für Besucher mit Hunden sogar eigens gedeckte, schattige Plätze. Und alles kostenlos. Sympathisch.

Gleich beim Eingang hat es ein Restaurant. Eine Art Biergarten. Auch das ein netter Gegensatz zum Europapark mit seinen Pseudo-Multikulturell-Spezialitäten. Die Auswahl hier ist klein, passt aber. Wann habe ich das letzte Mal eine ehrliche Currywurst gegessen?

So gestärkt und nervlich vor dem erwarteten Adrenalin-Kick mache ich mich auf die Suche nach dem Freischütz. 

Hier ist er. Idylisch am Hang gelegen, auf kleinstem Raum nichts als Schienen, ein Looping, Inversionen und Kurven. Es sieht vielversprechend aus!

Allerdings fuhr da kein Wagen. Erst ab 15 Uhr. Bis 17 Uhr. Unter der Woche. Es hat schlicht zu wenig Besucher ausserhalb der Ferienzeiten, als dass es sich rentieren würde, die Bahn nonstop laufen zu lassen. Also zuerst weiter durch den Park. 

Im Park drin fühlt man sich als kinderloser Besucher dann zuerst einmal komplett ratlos. Was suche ich hier zwischen all denn Mini-Bahnen, die gedacht sind für Kinder bis 3 Jahren? Da hat es zum Beispiel eine Raupen-Achterbahn. Süss. Und die ganze Familie darf drauf. Also auch die ganz kleinen. 

Weiter hinten dann noch ein See mit einem kitschigen Schloss. Neuschwanstein? Bayernpark halt. Thematisch wollen die Parks ja alle sein. Bei der Fahrt mit den permanent um die eigene Achse sich drehenden Fluss-Gondeln wurde es mir beinahe schlecht. 

Kurz vor 15 Uhr stand ich dann wieder beim Freischütz. Stand. Nicht: An-Stand. Keine Schlange. Einfach rein. Wer die Situation im Europapark kennt, kann das kaum glauben. 

Aber so war es: Einfach durch den für Wochenend-und Ferienandrang vorbereiteten thematisch gestaltenen Warte-Bereich gehen begleitet von einem fantastischen Soundtrack und ohne Gazprom Sponsoring-Orgien wie im Europapark bis zum Bahnhof. Dort in den Wagen rein und noch ein paar Minuten warten, bis wenigstens die Hälfte des Wagens besetzt ist. Und nun rief der Operator doch tatsächlich in die Runde «wollt ihr ein oder zweimal?». Einstimmige Antwort: «Zweimal!». Bedeutet: Der Wagen wird nach der ersten Runde nicht im Bahnhof abgebremst, sondern saust direkt durch - über den Linearmotor erneut beschleunigt in eine zweite Runde. Ein Traum und ein super Gefühl, das aber schwer an die Grenzen der körperlichen Belastung geht. Wie diese Bahn dies an und für sich schon nur in einer Runde tut. 

Der Abschuss ist genial, durch eine Art visualisierten Pantronenlauf schiesst der Wagen ähnlich wie bei Bluefire in eine zuerst ansteigende und dann abfallende Linkskurve in einen Looping und danach in zentrifgugenartiige Kurven. Schnell werden hier die Kräfte spürbar. Teils über 4G. Was beim ersten, zweiten, ja dritten Fahren  - man muss ja nicht anstehen! - noch Spass macht, geht bei mir in Runde Vier zu weit. Seitliche Vibrationskräfte wirken auf den Körper, dass man das Gefühl eines leichten Schleudertraumas kriegt. Ich würde gern weiter fahren - muss aber aufgeben. Ich kann nicht mehr.

Fazit: Im Vergleich zur Bluefire ist der Freischütz eine Teufelsbahn, genial durch seine Kompaktheit, den fliegenden Start direkt aus dem Bahnhof heraus ohne langwieriges Wischi-Waschi-Themenzeugs bis es mal losgeht.

Die Tatsache, dass man unter der Woche kaum anstehen muss ist fantastisch und für einen so kleinen Park ist diese Bahn schlichtweg eine bravouröse Leistung! Nach mehrmaligem Fahren - na gut wer tut das schon? - macht sich die im Vergleich zur Bluefire doch wesentlich unruhigere, ruppigere Fahrt und vor allem die teils heftig auftretenden Seitenkräfte unangenehm bemerkbar. Aber Freischütz mit Bluefire zu vergleichen ist nicht fair. Erstere hat 5 Millionen Euro gekostet, letztere viermal mehr. Da darf man also auch mehr Laufruhe und noch besser Engineering erwarten.

Insofern haben die Bayern aus ihrem Freischütz ganz viel herausgeholt aus einem doch noch immer ordentlichen Budget, das so ein kleiner Park erst einmal ausgeben können muss. Hut ab! 

Und die Bayern waren ja eh schon immer ein wenig ruppiger als die Badener.

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